Wo stehe ich mit meinem Dissertationskonzept?

Im aller ersten Draft des Konzepts habe nun das Thema ziemlich breit aufgerollt. Nächster Schritt ist meiner Meinung nach eine Reduktion auf den Kern dessen, was ich untersuchen möchte. Ich denke, dass ich bis anhin noch zu fest im Engineering-Bereich verhaftet war. Eigentlich sollte ich das Konzept nun eher auf eine sozialwissenschaftliche beziehungsweise medienökonomische Ebene hieven. Einige Punkte aus dem letzten Konzept-Gespräch sind:

1. Systematisierung.
Es wäre sinnvoll zuerst eine medienwissenschaftliche Systematisierung, Einordnung und Kategorisierung vorzunehmen. Meiner Meinung nach gibt es für die zahlreichen neu entstandenen Dienste die auf intelligenten Algorithmen beruhen, noch kaum kommunikationswissenschaftliche Kategorien, die einzelne Dienste trennscharf voneinander abgrenzen. Bezeichnung für solche Dienste und Technologien schwappen aus der Informatik oder auch dem Geschäftswelt auf die Sozialwissenschaft über, werden aber nicht einheitlich verwendet. Ich denke, dass dies eine erste Nische zu besetzen wäre: Abgrenzungen, Definitionen, Eigenschaften, Systematisierung, Einordnung, Klassifizierung, Kategorisierung von auf Algorithmen basierenden Diensten der öffentlichen Kommunikation.

2. Innovationstheoretische Aspekte
Innovationstheoretische Aspekte von algorithmenbasierten Medien habe ich in meinem ersten Draft des Konzepts bewusst weggelassen, beziehungsweise als Teil der Medienökonomischen Analyse angesprochen. Der Chef hat allerdings vorgeschlagen, dass ich hier einen grösseren Schwerpunkt setze. Ihn interessieren natürlich vor allem Vorgänge der technischen Evolution und deren Selektionskriterien. Für mich ist dieser Teil noch nicht ganz so klar, da ich mich bis anhin kaum mit Innovations-theoretischen Ansätzen abgegeben habe. Vielleicht wäre es aber sinnvoll künstliche Intelligenz unter den Aspekten der Evolution/Revolution, Disruption, technology push vs pull, soziale vs. technische Innovation anzuschauen. Allerdings denke ich, dass ich hier eher nicht den Schwerpunkt setzen möchte. Nach wie vor sehe ich die Innovations-theoretischen Ansätze als Teil der medienökonomischen Analyse.

3. Konzentration auf eine Dienstkategorie
Dies habe ich oben bereits angesprochen. Nach der Systematisierung wäre es hilfreich, wenn ich mich auf die Untersuchung einer Kategorie beschränke. Der Chef interessiert sich für Recommender Systeme oder Newsaggregatoren. Ich würde den mögliche Kandidaten noch die Themen, automatisierte Mediaplanung, Personalisierung, Reputations-Systeme, Semantic-Web Apps, automatisierte ortsbasierte Dienste und Social Tag Aggregatoren hinzufügen. Recommender Systeme im engen Sinn, d.h. Amazons Empfehlsysteme oder Last-FMs Musiktipps finde ich medienwissenschaftliche weniger relevant. Recommder Systeme im weiteren Sinn, also alle Dienste, bei welchen generell Nutzungsdaten oder Item-Eigenschaften statistisch ausgewertet werden und dann Nutzern mit statistischm Fit präsentiert werden sind hingegen wieder interessant. Denn in diese Kategorien würde wiederum auch Newsaggregatoren, Suchmaschinen, personalisierte Systeme, Reputationssysteme fallen. Wie gesagt gibt es zwischen den verschiedenen Kategorien kaum Trennschärfe. Alle Diensttypen überlappen sich auf verschiedene Weisen.

4. Medienökonomische Analyse
Sobald ich mich auf eine Dienstkategorie konzentriert habe, macht es bestimmt Sinn, diese mit den Mitteln einiger medienökonomischer Frameworks zu analysieren. Ich denke da an Dinge wie die Eigenschaften als ökonomisches Gut also Öffentliches vs Privates vs Club vs Allmende-Gut, Externalitäten, Signalling/Screening, Transaktionskosten, Property Rights, Wertschöpfung, Switching-Costs etc.

5. Politisch-ökonomische Analyse
Dies ist vor allem eine Fragestellung, die den Chef interessiert. Ich selber fühle mich nicht stark verwurzelt in PE und müsste mir zuerst die Grundlagen drauf arbeiten, bevor ich mich mit Fragen der Macht beschäftigen könnte. Eine Stakeholder-Analyse würde wohl grad noch drin liegen, aber sobald die Analyse in komplexere Sphären vordringt müsste ich mich zuerst sehr stark einlesen. Ebenfalls bin ich nicht sicher, ob ich solche Fragen beantworten möchte, da ich ein diffuses Gefühl habe, dass es immer auf Ideologien anstatt intersubjektiv nachvollziehbare Argumentationen rausläuft (Auch wenn mich hier nun die Wissenden für mein Unwissen verhöhnen mögen). Der Vorschlag des Chefs für meine Arbeit ist die Idee, aus der politischen Ökonomie Funktionen der gesellschaftlichen Kommunikation / öffentlichen Kommunikation abzuleiten und die Wahrnehmung dieser Funktionen dann zu überprüfen.

6. Gesellschaftliche Effekte
Dieser Aspekt ist in meinem ersten Draft wesentlich zu kurz gekommen. Wie gesagt, habe ich mich vor allem auf technologische Fragen konzentriert. Andererseits ist die Frage nach gesellschaftlichen Effekten sehr aufwändig zu untersuchen, wenn sie nicht normativ (und für mein Wissenschaftsverständnis deshalb unwissenschaftlich) beantwortet wird.

7. Evaluierung der Dienste nach Qualität.
Dies entspricht meiner dritten Forschungsfrage im ersten Konzept-Draft. Ich denke, dass mit der zunehmenden Intransparenz bei der Informationsverarbeitung in der Blackbox der Software-Firmen auch das gesellschaftliche Bedürfnis nach Transparenz und Evalutaion der Qualität solcher Dienste auftauchen könnte. Im Moment gibt es niemanden auf der Welt, der die Fragen beantworten kann, ob Google zum Suchbegriff “Demokratie” gute Resultate liefert, ob Google News eine relevante Auswahl von Nachrichten trifft, ob die Personalisierung von Diensten Bedürfnisse besser deckt, ob Reputations-Systeme Reputation gerecht verteilen, etc.

Für mich selber bleibt die Fragen übrig, welches gesellschaftliche Interesse ich mit meiner Arbeit befriedigen möchte und welchen Beitrag sie zu einer Theorieentwicklung liefern könnte.

Der Chef hat ja vorgeschlagen, aus der politischen Ökonomie Funktionen der gesellschaftlichen Kommunikation / öffentlichen Kommunikation abzuleiten und die Wahrnehmung dieser Funktionen dann zu überprüfen. Diese scheint mir an sich ein guter Plan zu sein. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich mich hiermit nicht wieder auf eine zu normative Diskussion rauslasse, deren Fragestellung am Schluss vielleicht nur ideologisch und nicht empirisch-wissenschaftlich beantwortet werden müsste.

Von hier weg gibt es verschiedene Vorgehensweisen. Die erste gleicht dem Vorgehen, dem ich auch bei meiner Lizarbeit gefolgt bin. Man sucht den öffentlichen Diskurs zum Thema nach Thesen ab, welche noch nicht wissenschaftlich untersucht sind. Wenn ich zum Thema Semantic Web und künstliche Intelligenz lese, begegne ich beispielsweise immer Coase, also dem Thema “Transaktionskosten”. Im Gespräch mit Freunden oder Laien steht oft eine diffuse Angst vor den Technologien, ausgelöst durch die Google-als-”Datenkrake”-Diskussion.

Wahrscheinlich ist es aber besser, wenn ich das Thema zuerst noch ein wenig einschränke und erst anschliessend versuche die Thesen zu generieren.

Neu Vorgeschlagene Arbeitstitel sind

  • Automatisierung gesellschaftlicher Kommunikation
  • Intelligente Algorithmen in der öffentliche Kommunikation
  • Intelligente Algorithmen in den Medien
  • Intelligente Algorithmen in der gesellschaftlichen Kommunikation
  • Algorithmen des intelligenten Webs und die öffentliche Kommunikation
  • Intelligente Web Applikationen in der öffentlichen Kommunikation
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Filed under deutsch, dissertation

One Response to Wo stehe ich mit meinem Dissertationskonzept?

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