Wenn man die Rolle von automatisierten Ranking Algorithmen in der öffentlichen Kommunikation untersucht, lassen sich zwei grundsätzliche Perspektiven unterscheiden. Erstens ist man dazu verleitet, Algorithmen als Agenten zu beschreiben, die selbständig Kommunikation produzieren. Dies ist allerdings ein schwieriges Unterfangen, da man sich dazu durch den Balast, die Streitdebatten und Widersprüchen der Forschung zur künstlichen Intelligenz wühlen muss.
Die zweite Möglichkeit empfiehlt sich durch ihren bescheidenere Reichweite: Man kann automatisierte Ranking Algorithmen auch als Recherchewerkzeug für Journalisten oder andere Wissensarbeiter untersuchen. Bei dieser Perspektive steht nicht der künstlich intelligente Algorithmus als handelnder Akteur im Zentrum, sondern der Mensch, der Ranking-Algorithmen als Hilfsmittel einsetzt. Das Produkt des Ranking Algorithmus wird zur Eingabe für den Menschen (Was in der Black-Box Mensch vorgeht, kann man damit getrost den Medienpsychologn überlassen).
Obwohl eine Untersuchung der Nutzung von Suchmaschinen in Redaktionen nicht ein solch philosphisches Denkexperiment ist, wie die Untersuchung von Algorithmen als Agenten, lassen sich daraus starke Argumente gewinnen, die die Bedeutung von Algorithmen für die öffentliche Kommunikation untermauern: Wenn Journalisten für ihre Recherche hauptsächlich Suchmaschinen verwenden, die auf automatisierten Ranking-Algorithmen beruhen, dann haben die Selektionsmechanismen der Algorithmen zumindest indirekt einen grossen Einfluss auf die öffentliche Kommunikation.
Bereits exisitieren eine Reihe von Studien, die den Umgang von Journalisten und Redaktionen mit dem Internet und im speziellen mit Suchmaschinen empirisch geprüft haben.
Einen Überblick bieten Machill, Zenker und Beiler (2008: 597ff). Suchmaschinen haben sich als Recherche Instrumente von Journalisten etabliert. Schon etwas in die Jahre gekommen ist die häufig zitierte Studie von Prof. Steven S. Ross und Don Middleberg (einem PR-Mann). Schon 2000 beobachteten sie, dass 81 Prozent der amerikanischen (Print-)Journalisten täglich Websuchmaschinen für iher Arbeit nutzten.
Etwas aktuellere und auch detailliertere Auskunft gibt die Studie von von Neuberger, Nuernbergk und Rischke (2009: 183ff). Die in wissenschaftlichen Befragungen selten auftauchende Zahlen von 98 Prozent aller Nachrichten- und 99 Prozent aller Internetredaktionen gaben Google als häufigst genutzte Suchmaschine an. (Interessant wäre hier zu wissen, wer die drei (oder vier) Leute sind, die eine andere Aussage getroffen haben)
Google wird auf Redaktionen nicht nur besonders häufig genutzt, die Suchmaschine erhält auch eine hohe Wertschätzung von Journalisten. 88 bzw. 89 Prozent obengenannter Redakteure finden die Ergebnisse von Google am besten. In absteigender Rangfolge werden Suchmaschinen für folgende Aufgaben eingesetzt (mit Prozent der Zustimmung in Klammern): 1. Zugang zu ausländischen Quellen (79.5), 2. Auffinden von Quellen beschleunigen (78.4), 3. Auffinden von Quellen zu Randthemen (72.2), 4. Erschliessen unbekannter Quellen (63.6), 5. Überprüfen von Pressemitteilungen (29.2), 6. Überbprüfen von Agenturmeldungen (26.1).
Auch die Leiter der Nachrichtenredaktionen beobachten eine Googleisierung, das heisst eine leichte Verdrängung von Zugangswegen zu Quellen wie dem Telefonbuch oder den gelben Seiten (ebd, S. 185). Ein kleinerer Teil der befragten Journalisten gab auch an, dass die Suchmaschinen Gespräche mit Journalisten ausserhalb der Redaktion (37 %), sowie mit Experten (34%) ablösen.
Trotz der gegenwärtig feindlichen Stimmung von Medienhäusern gegenüber Google, wird der generelle Einfluss von Suchmaschinen auf die Qualität des Journalismus von 88 Prozent der Journalisten als positiv eingeschätzt. Interessant in diesem Zusammenhang: Sogar der Lieblingsfeind Google News wird dann doch gerne von 85 Prozent der Redakteure als Recherche-Instrument eingesetzt (S. 186).
In ihren qualitativen Beobachtung durch Begleitung von neun Journalisten, stellten Springer und Wolling (2008) eine enorme Dominanz von Google auf der von Ihnen untersuchten Redaktion fest und beobachten darüberhinaus, dass fast ausschliesslich Treffer der ersten Ergebnis-Seite Eingang in die Recherche finden und somit bestimmte Aspekte kaum Chancen haben, in den Blick des Journalisten zu rücken.
Keel und Wyss (2008) stellen die Theses auf, dass eine strukturelle Gewalt, die von Suchmaschinen auszugehen scheint. Wie ein trojanisches Pferd bietet sie sich dem Journalisten zunächst als Hilfsmittel an, zwing ihm dann aber systemexterne Regeln auf. In explorativen Gesprächen mit Journalisten konnten sie einen grossen Einfluss von Google auf die Berichterstattung feststellen.
In einer als Vergleich zwischen elf europäischen Ländern angelegten Studie zeigen Fortunati et al. (2009), dass die meisten Journalisten der Aussage zustimmen, dass sich, bedingt durch Internet, der Journalismus-Beruf in Richtung eines Desktop-Jobs entwickelt. Dies lässt sich mit den Internet-Recherche-Möglichkeiten begründen.
Bereits zum dritten Mal nach 2002 und 2005 ist dieses Jahr (2009) die Studie von Guido Keel vom Institut für angewandte Medienwissenschaften and der ZHAW und Marcel Bernet, dem Inhaber der PR-Agentur Bernet erschienen. Es wurden 2988 Schweizer Medienschaffende angeschrieben, wobei 598 den Fragebogen ausgefüllt haben. Auch hier ergeben sich für sozialwissenschaftlich Verhältnisse fast unglaubliche Zahlen:
“99,8 Prozent der Befragten nutzen für ihre Websuche Google. Search.ch verliert 3,9 Prozentpunkte und spricht noch etwas mehr als einen Viertel der Nutzer an. Nahezu bedeutungslos sind Yahoo (8,2 Prozent), Altavista (6,1 Prozent) und alle anderen Suchoptionen (1,5 Prozent). Damit ist klar: Was Google nicht findet, gelangt sehr schwer in die journalistische Themenfindung oder Recherche.”
Fazit: Suchmaschinen, insbesonder Google, haben mit ihren Recherche-Resultaten eine ansonsten in sozialwissenschaftlich gemessenen Zusammenhängen seltene Reichweiten von beinahe 100 Prozent der Journalisten. Von der Reichweite alleine lässt sich noch nicht auf einen Einfluss schliessen, dennoch scheint ein Einfluss automatisierter Ranking Systeme auf grosse Teile journalistisch erstellter öffentlicher Kommunikation zumindest in hohem Mass plausibel.
Literatur
Fortunati, Leopoldina / Sarrica, Mauro / O’Sullivan, John / Balcytiene, Aukse / Horro-Loit, Halliki / Macgregor, Phil / Roussou, Nayia / Salaverrìa, Ramòn / de Luca, Federico (2009): The Influence of the Internet on European Journalism. In Journal of Computer-Mediated Communication 14 (2009), S. 928-963.
Keel, Guido / Bernet, Marcel (2002): Journalisten im Internet 2002. Zürich.
Keel, Guido / Bernet, Marcel (2005): Journalisten im Internet 2005.Eine Befragung von Deutschschweizer Medienschaffenden zum beruflichen Umgang mit dem Internet.
Online: http://www.iam.zhwin.ch/download/Studie_2005.pdf
Keel, Guido / Bernet, Marcel (2009): Journalisten im Internet 2009. Eine Befragung von Deutschschweizer Medienschaffenden zum beruflichen Umgang mit dem Internet.
Online: http://www.iam.zhwin.ch/download/Studie_2005.pdf
Keel, Guido; Wyss, Vinzenz: Die Suchmaschine als Danaer-Geschenk: Zur strukturellen Gewalt der ?Googleisierung des Journalismus. In: Journalismus online – Partizipation oder Profession? / Thorsten Quandt (Hrsg.). – 1. Aufl. – Wiesbaden: VS, 2008, S. 61 ff.
Middleberg, D. and S. Ross (2000) The Seventh Annual Print and Broadcast Survey of Media in the Wired World.
Neuberger, Christoph / Nuernbergk, Christian / Rischke, Melanie (2009). Journalismus im Internet: Zwischen Profession, Partizipation und Technik. In Media Perspektiven 4/2009, S. 174 -188. (Online)
Springer, Nina / Wolling, Jens (2008): Wie Journalisten im Internet recherchieren. In: Journalismus online – Partizipation oder Profession? / Thorsten Quandt (Hrsg.). – 1.. Aufl. – Wiesbaden: VS, 2008.
Wyss, Vinzenz; Keel, Guido: Google als Trojanisches Pferd? Konsequenzen der Internet-Recherche von Journalisten für die journalistische Qualität. In: Die wachsende Macht der Suchmaschinen im Internet / The Rising Power of Search Engines on the Internet / Marcel Machill (Hrsg.) – Köln, 2007, S. 143-163 ff.
1 Comment
October 20, 2009 at 11:19 am
[...] ist nicht nur der wichtigste Zulieferer von Traffic, sondern auch der wichtigste Zulieferer von Inhalten, wie viele wissenschaftliche Studien zeigen. Journalisten lieben die Suchmaschine, ersetzt sie doch [...]