Ich habe über die letzten Jahre viele Texte, wissenschaftliche und nicht-wissenschaftliche, gelesen, die im allgemeinen davon ausgehen, dass die Technologien des Social Webs die Partizipation der Teilhabe der Bürger am öffentlichen Diskurs erhöhen. Im Folgenden möchte ich dies nicht bestreiten, doch zusätlich argumentieren, dass diese Technologien auch eine neue Form von Elite schaffen, die auf einer aggregierten Makro-Ebene grössere Entscheidungsmacht erhält und die wenig partizipativ ist.
Man hört es seit Jahren bei jedem Treffen von Bloggern, Technnerds, Internet-Freaks und sogar in normalen Lebenszusammenhängen. Meist drängt sich ein soeben konvertierter Evangelist des Web2.0 (oder was der Buzz der Stunde ist) hervor. Meist hatte er kurz davor eine Erkenntnis, die etwa so lautet: Früher (mit früher wird meist die Zeit gemeint, als man das Internet noch über das Usenet besuchte und dafür Informatiker oder Soziopath sein musste), also früher haben alleine die Medien bestimmt, was in der Öffentlichkeit diskutiert wird. 200 Journalisten in Zürich haben entschieden, was 7 Millionen Schweizer über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erfahren. Das war nicht die gesetzlich verbriefte Meinungsfreiheit für alle, sondern eine Entscheidungsmacht der wenigen. Doch die grosse Zäsur spazierte gemütlich Flussaufwärts: Zuerst waren es persönlich Websites, dann Blogs, dann alle möglichen Formen des Social Webs und aktuell fliegt grade Twitter. Die Legende geht so, dass nun nicht mehr die 200 Journalisten entscheiden, welche Themen es in die Öffentlichkeit schaffen, sondern jeder einzelne Stimmbürger im Social Web! Er muss nur ein Blog führen und kann seine Meinung, sein Wissen publizieren – kostenlos, ohne Spezialkenntnisse und alle hören hin. So einfach ist das.
Die Debatte dauert nun schon lange. Ich glaube, dass ich seit zehn Jahren immer wieder die selben Argumente höre. Wobei die Debatte bestimmt schon länger geführt wird, davor hats mich einfach nicht interessiert. Dabei treten vor allem zwei Seiten auf: Die eine sind die alten Eliten: Journalisten, Chefredakteure, Medienleute. Sie beten gerne ihren Rosenkranz der journalistischen Qualität, die von Bloggern, Youtube-Regisseuren, Wikipedia-Autoren etc. nicht geleistet werden kann. In der anderen Ecke des Rings finden sich die mitteilungsfreudigen Privat- (oder auch nicht-Privat)-Personen, die davon überzeugt sind, dass sie ebenso gute Dienste and der Öffentlichkeit leisten wie die als herablassend empfundenen Journalisten. Auch hier wurde schon alle möglich Argumente aufgerollt.
Einen dritten Strang der Debatte kommt meiner Ansicht nach viel zu selten an die Oberfläche: Es ist die Frage nach der Entscheidung auf der aggregierten Ebene: Die neuen Möglichkeiten bringen nicht nur neue Inhalte-Produzenten auf den Plan, nein sie sorgen vor allem dafür, dass sich die Anzahl der Botschaften vervielfacht, ja quasi explodiert. Es entsteht ein riesiger Strom von Inhalten, der durch die grossen Röhren der Internet-Kanalisation sprudelt. Und wie sich das gehört für eine anständige Kanalisation besteht der grösste Teil der Inhalte aus Dingen, mit denen man lieber nicht in Kontakt treten möchte. Doch ab und zu treibt auch ein Diamant-Ring durch die Scheisse, der versehentlich runtergespühlt wurde. Diese wertvollen Inhalte auszufiltern ist die Aufgabe der Kläranlagen.
Die Kläranlagen des Internet sind allesamt grosse Unternehmen wie Yahoo, Microsoft und allen voran Google, die den reissenden Strom an Inhalten filtern und dabei die Dinge rausfischen, die wir uns nicht verloren wünschen. Das spezielle an diese Kläranlagen: Sie tun dies vollständig automatisiert. Ihre Algorithmen arbeiten basierend auf Kriterien der Qualität, die vorab von Ingenieuren bestimmt wurden. Doch diese Algorithmen sind es, die dafür verantwortlich sind, welche der Inhalte aus der trüben Sosse der Internet-Kakofonie herausgefischt werden und uns Nutzern als der heisse Scheiss präsentiert werden. Und der automatisch ausgewählte Inhalt ist nicht nur für uns Endnutzer relevant, er findet auch zu tausendfach Eingang in die neuen produzierten Inhalte, sowohl bei Journalisten als auch bei den Autoren, Regisseuren, Sprechern, Kommentierern, Diskutatenten und Filmern des Social Webs.
Zwar entscheiden diese automatisierten Algorithmen und ihre Resultate häufig auf Basis von Nutzer-Inputs wie Ratings, Rankings und gesetzten Links. Dennoch erfordert die maschinelle Auswertung diverse Regeln zum Ausfiltern und Löschen bestimmter Nutzer-Beiträge (Spam) und die Verstärkung der Meinung von Nutzer, die eine höhere Reputation geniessen.
Nun komme ich zum eigentlichen Punkt. Ich denke, dass sich Web2.0-Evangelisten und Internet-Utopen irren, wenn sie predigen, dass das Social Web eine Gleichmachungsmaschine (im positiven Sinne) ist, die jedem den Zugang zur Öffentlichkeit ermöglicht. Dies mag auf einer individuellen Mikroebene stimmen. Hier können Einzelpersonen in die öffentliche Diskussion eingreifen auch an Stellen, wo ihre Meinung früher von einem Redakteuren ausgefiltert worden wäre. Auf einer aggregierten Makro-Ebene jedoch ist dies nur die halbe Wahrheit. Ich wage zu behaupten, dass die Meinung der Einzelperson dort unbedeutend bleibt. Denn auf der aggregierten Ebene werden wiederum diejenige überdurchschnittlich zu Wort kommen, die den automatisierten Algorithmen besonders gut gefallen. Das sind meistens Profis, die sich über die Jahre eine Reputation erarbeitet haben und auch in regelmässiger Weise publizieren. Mag sein, dass sich diese neue Elite nicht mehr aus den oben genannten 200 Journalisten zusammensetzt. Es sind aber eine beschränkte Zahl von Meinungsführern, die etwas grösser sein wird, aber nicht alle Stimmbürger umfasst. Dazu kommt eine neue Klasse an neuen und besonders einflussreichen Entscheidungsträgern. Es sind die Ingenieure und Algorithmen-Designer, deren Entscheidungen wesentlich dazu beitragen, welche Meinungen an die Oberfläche gespühlt werden.