January 17, 2010...8:41 am

Wieso Holzmedien bei Google-Kritik versagen

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Google ist ein unheimlich grosses und ein unheimlich mächtiges Unternehmen. Mit seinem Marktanteil bei Suchmaschinen zwischen 60 und 90 Prozent je nach Weltregion ist Google für das Gatekeeping von Informationen für den grössten Teil der vernetzten Menschen verantwortlich. Nicht nur die ökonomische, vielmehr auch diese gesellschaftiche Bedeutung erfordert eine genaue Beobachtung des Unternehmens, seiner Handlungen und Strategien.

Eine klassische Kontroll-Aufgabe für Journalisten und ihre aus Zellstoff bestehenden Massenmedien – könnte man zumindest meinen. Leider verpassen sie es häufig, seriöse Kritik am Handeln des Konzerns vorzubringen. Stattdessen beschränken sie sich auf Vorwürfe, die sich vor allem mit dem eigenen Unvermögen beschäftigen.

Etwas, was diese Woche gleich von zwei Leitmedien unter Beweis gestellt wurde. Sowohl der Spiegel (“Google. Der Konzern der mehr über Sie weiss als Sie selbst“) als auch das Magazin des Tages-Anzeigers (“Larry und Sergey“) platzierten eine nach diesem Schema gestrickte Titelstory zu Google [Update: Auch die Zeit rührt heute mit der Paranoia-Kelle an: "Im Google-Wahn"].

Die seltsame Argumentation der Journalisten hört sich meist etwa so an, wie wenn Fährenbetreiber einen Autofahrer davon überzeugen wollen, nicht mit der neuen Brücke den Fluss zu überqueren, sondern weiterhin die Fähre zu nehmen – weil sie langsamer und teurer ist.

Oder anders gesagt: Journalisten kritiseren Google dafür, dem Nutzer äusserst nützliche, verlässliche, qualitativ hochwertige Dienste anzubieten und dies zu einem äusserst attraktiven Preis, nämlich 0.00 USD. Sie nerven sich also darüber, dass Google Books einem der Gang zur Bibliothek erspart, dass Google Maps die völlig überteuerten GPS-Systeme ersetzt, dass Google äusserst nützliche Dienste zu Bildern (Picasa), Video (Youtube) etc anbietet. Sie werden mir zustimmen, dass dies ein schlechtes Argument ist, um die Leistung Googles schlecht zu reden.

An diese Argumentation schliesst häufig eine skandalträchtige Erkenntnis an: Google-Dienste sind gar nicht gratis! Der Nutzer bezahlt mit seiner Aufmerksamkeit! Google refinanziert diese Dienste über Werbung! Und dabei nicht etwa über die aufdringliche, störende, nicht gekennzeichnete Werbung, wie man sie aus herkömmlichen Medien kennt. Nein, Google erdreistet sich Werbung einzusetzen, die unaufdringlich, klar gekennzeichnete und auf die Nutzerbedürfnisse abgestimmt ist. (Sie erkennen die Doppelmoral, oder?)

Unweigerlich folgt dann das einzige Argument, dass wirklich auf ein Problem hinweist. Es besteht Gefahr der Verletzung von Privatsphäre. Google speichert durch die Zentralisierung vieler Dienste, wie Mail, Suche, Bilder, Videos, Reader eine enorme Masse an persönlichen Informationen über die Nutzer. Diese Informationen werden benötigt, um möglichst personalisierte Suchresultate liefern, aber auch auf die persönlichen Bedürfnisse zugeschnittene Werbung anzeigen zu können. Der Spiegel-Artikel bingt das auf die Kurzform, dass Google der Konzern ist, der mehr über Sie weiss als Sie selbst.

Journalisten ziehen aus dieser Erkenntnis aber oft den falschen Schluss: Sie behaupten, ein Missbrauchspotenzial ist das selbe wie der Missbrauch. Ich finde es aber wichtig, diese beiden Dinge zu unterscheiden. Klar würde ein autoritäres Regime oder auch die deutsche Regierung mit den Daten ganz viele Privatsphäre-verletzende Dinge anstellen, wenn Sie an diese Daten gelangen würden. Sie werden aber nicht an diese Daten gelangen.

Ich möchte folgende [sehr] gewagte These aufstellen: Es gibt im Moment keine Datenbank der Welt keinen Webdienst weltweit, in dem persönliche Informationen besser vor Missbrauch geschützt werden als bei Google.

Sie fragen sich nun, wie ich zu dieser auf den ersten Blick haarsträubenden Einschätzung komme. Die Antwort ist: Google hat am heutigen Tag eine Marktkapitalisierung von 184 Milliarden US$. Einen Grossteil dieses Wertes macht die Marke Google aus. Gemäss der Marktstudie des Markforschungsunternehmens Millward Brown ist die Marke Google über 100 Milliarden US-Dollar wert und damit die wertvollste Marke der Welt, noch vor Coca Cola.

Die Marke macht also den grössten Teil des Unternehmenswertes von Google aus. Dass die Marke einen solchen Wert erreicht, hängt einzig mit dem hohen Vertrauen zusammen, das Google von seinen Nutzern erhält. Es ist indirekt die Folge der Unternehmensphilosophie, die den Nutzer/Kunden ins Zentrum rückt und diesem Ziel alle anderen Ansprüche unterordnet. Vertrauen ist die Währung im Informationsgeschäft, in welchem sich Google bewegt. Sind doch alle Produkte, die der Konzern anbieten in hohem Masse Vertrauensgüter; also Güter, deren Qualität vom Konsumenten, wenn überhaupt erst nach dem Konsum, eingeschätzt werden kann.

Im Umkehrschluss bedeutet dies aber auch, dass das Geschäft von Google in hohem Masse vom Vertrauen abhängt, das von Nutzern entgegenbracht wird. Google hat somit einen sehr hohen Anreiz, das Vertrauen seiner Nutzer nicht zu missbrauchen. Vertrauen ist sehr fragil. Wenn ans Tageslicht kommt, dass Google persönliche Informationen über die Nutzer an andere Dritt-Unternehmen oder an Regierungsstellen weitergäbe, würde dies zu einem enormen Vertrauensverlust bei den Nutzern führen, damit würde sich der Wert der Marke und somit der Unternehmenswert bedeutend reduzieren. Sie werden mir zustimmen, dass Google einen bedeutenden Effort leisten wird, dieses Szenario zu verhindern.

So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass nur eine kleine Menge an Fällen bekannt ist, in welchen Google Daten, aufgrund von Gerichtsbeschlüssen weitergegeben hat (bsp: Holland, Youtube-User-Daten). Google tut sich aber meist dadurch hervor, die Datenweitergabe bis zuletzt zu vermeiden, was beispielsweise der angekündigte Rückzug aus China zeigt oder der Verzicht von Google als einziges Suchunternehmen der Bush-Regierung Daten auszuhändigen. Diese Situation bringt mich zum Schluss, dass ich meine persönlichen Daten lieber bei Google lagere, als bei GMX, Microsoft, Yahoo, TAmedia oder Springer.

Dies ist natürlich keine Carte-Blanche für Google. Nur weil bis anhin gemessen an der Datenmenge, die Google verwaltet, kaum Missbrauch aufgetreten ist, heisst das nicht, dass der Missbrauch in Zukunft nicht stattfinden wird. Gerade dann, wenn Google in ein paar Jahren zum ersten mal in eine Krise kommen wird, sind bestimmt ein paar windige MBAs zur Stelle, welche die “stille Reserve” Nutzerdaten monetarisieren möchten. Ich hoffe aber, die schlauen Ingenieure von Google haben bis dann schon ein System kreiiert, dass diesen Fall bis in alle Ewigkeit verhindert.

26 Comments

  • Lieber Large Neuron Collider

    Sie sagen, dass Sie Ihre persönlichen Daten lieber bei Google haben als bei GMX, Microsoft, Yahoo, TAmedia oder Springer. Dies widerspricht meinem Motto, die Daten breit zu streuen: Mail-Daten bei GMX, Suchabfragen bei Google, Kalenderdaten sonst irgendwo (TAmediaCal). Es beruhigt mich sehr, dass ich nicht alles bei einer Firma habe, sondern schön föderalistisch verteilt. Finden Sie das nicht auch geschickt von mir?

    Aber ein sehr aufschlussreicher Artikel. Ich hatte ja vermutet, dass im Tagimagi nichts Gescheites über Google steht, und habe in der Hoffnung auf eine antwortende Behandlung des Themas in der Blogosphäre auf die papierene Lektüre verzichtet. Danke

    Und Missbrauch schreibt man übrigens mit zwei s.

  • Hallo Vorreiter Beat.

    Erst mal vielen Dank für die Rechtschreibhilfe. Ich dachte Missbrauch und Misswahl seien zwei unterschiedliche Dinge. Deshalb sollte man sie auch unterschiedlich buchstabieren. Ist aber anscheinend nicht so.

    Dass Sie ihre Daten “föderalistisch” verteilen ist natürlich sehr geschickt von Ihnen. Es ist wahrscheinlich eine gute Strategie, wenn Sie Ihre Daten dezentral über verschiedene Dienste verteilen. Ich versuche das, wenn möglich, auch so handzuhaben.

    Dennoch hat dieses Vorgehen zwei Nachteile. Der erste ist, dass man beim dezentralen Verteilen der Daten auf die reibungslose Integration der Google-Dienste ineinander verzichten muss. Google-Calendar arbeitet nunmal sehr gut mit Gmail zusammen. Google Docs lassen sich super in Google Sites integrieren. Und Data Portability ist trotz Bemühungen von Google an der Data Liberation Front bisher nur teilweise gewährleistet.

    Der zweite Nachteil ist, dass man sich beim dezentralen Modell auf die Datenschutz-Bestimmungen verschiedener Anbieter verlassen muss. Ich denke tatsächlich, dass genannte Firmen laxer mit Nutzerdaten umgehen als Google. Gerade an der gegenwärtigen Geschichte in China lässt sich erkennen, wie gleichgültig beispielsweise Microsoft gegenüber der Privatheit von Nutzerdaten zu sein scheint.

  • Auch über Printmedien gibt es Horrorstories. Diesen Beitrag hier kann ich aber getrost unterschreiben. Solange die Printmedien dem Lobbyismus und oft klar erkennbaren politischen Färbungen unterliegen, und Schleichwerbung alltäglich ist, haben die Printmedien ein großes Stück ihrer angeblichen Seriösität verloren. Wer im Glashaus sitzt, muss im Keller auf die Toilette gehen.

  • So treffend der Vergleich mit der Autofähre ist, und so richtig die Kritik an der Berichterstattung ausfällt, so wenig kann ich Ihnen im weiteren folgen.

    These 1. Aus Reputationsgründen (die sich finanziell auswirken würden) wird Google nichts tun, was den Nutzern schadet (hier: mit den gesammelten Daten).

    Bei Microsoft lässt sich gut beobachten, wie ein Konzern, der einmal ein Quasi-Monopol in einem Bereich erlangt hat, gegen Gesetze und Rechte der Nutzer verstoßen kann, ohne erhebliche Finanzielle Einbußen zu haben.

    These 2. Datensammeln ist nicht Datenmissbrauch. Also müssen wir uns davor nicht fürchten.

    Die Unterscheidung stimmt natürlich. Aber das macht die Sammlung nicht ungefährlicher. Denn erst sie macht den Missbrauch (durch den Konzent, durch frustrierte Mitarbeiter oder Regierungsangestellte) möglich. Daher steht am Anfang des Datenschutzes die Datensparsamkeit.

    These 3. “Es gibt im Moment keine Datenbank der Welt, in der persönlich Informationen besser vor Missbrauch geschützt werden als bei Google.”

    Das bleibt neben dem Reputationsargument unbelegt.

    Ich selbst traue dem Rechte- und Aufsichtssystem meiner Hausbank da deutlich mehr. (Nicht meinem Kreditkartenunternehmen)

    Andere “Trivialbeispiele” (die die These dennoch widerlegen) sind persönliche Daten von Regierungsmitarbeitern, und jede beliebige Datenbank, auf die ich alleinigen Zugriff habe.

  • “Die Marke macht also den grössten Teil des Unternehmenswertes von Google aus. Dass die Marke einen solchen Wert erreicht, hängt einzig mit dem hohen Vertrauen zusammen, das Google von seinen Nutzern erhält.”
    Diese Aussage würde ich ganz spontan als etwas naiv bezeichnen. Nutzer vertrauen Google sicherlich nicht signifikant mehr als anderen Unternehmen. Der Punkt ist ein ganz anderer. Erstens handelt es sich um neuartige Techniken und Zusammenhänge, die im Netz zum tragen kommen. Daher würde ich sagen, dass die große Masse der Nutzer sich gar nicht bewusst ist was sie tun, wenn sie Suchanfragen an Google richten, usw… Zweitens hat Google den derzeit wohl besten Suchalgorithmus, dies bedeutet für die meisten Menschen passende Ergebnisse durch Google. Dies hat wieder nichts mit Vertrauen zu tun. Und drittens bietet Google quasi alles aus einer Hand was viele Menschen als wichtig im Netz erachten. Googles Erfolg ist (zumindest primär) kein Ergebnis von Nutzervertrauen, sondern viel mehr das Ergebnis eines nachgefragten Produktes, kluger Unternehmensstrategie und mitunter auch einem dreisten, bis (rechtlich) fragwürdigen Handeln. Vertrauen ist eine Voraussetzung, aber kein Grund für Googles Erfolg.

  • @Sandmann: Das Glashaus-Gleichnis kommt in meine Sammlung.

    @Hannes.
    In der Grundtendenz muss ich dir Recht geben. Natürlich finde auch ich es hochproblematisch, dass ein Unternehmen so viele persönliche Daten verwaltet. Und natürlich schützt eine bisher vorbildlich eingehaltene Datenschutzpolitik nicht vor künftigen Problemen.

    Betonen möchte ich aber dennoch, dass mir kein anderes Unternehmen bekannt ist, dass die Einhaltung des Datenschutz-Policy so stark mit seiner Reputation verknüpft wie Google. (Diese Einschätzung hat mit dem angekündigten Rückzug aus China zu tun).

    Ich sage ja nicht, dass bei Google persönliche Daten besonders gut aufgehoben wären. Ich behaupte vor allem, dass bei allen anderen Anbietern die Daten noch schlechter aufgehoben sind. Und davon lese ich leider viel zu selten in den (Massen-)medien.

    Aber wie du richtig sagst: Am Anfang des Datenschutzes steht die Datensparsamkeit.

  • Was ich noch vergessen habe: Der polemische Ausdruck “Holzmedium” ist in etwa so cool wie ein halber Liter Mineralwasser. Es ist nicht viel besser Texte durch Medien, die im Grunde aus ein paar hunderttausend Jahre altem Erdöl und etwas Sand produziert werden, zu verbreiten…

  • Guten Morgen anbraendle

    Vielen Dank für die rasche Entgegnung. Ich möchte aber doch noch was anfügen.

    Die Integration der Dienste ist natürlich ein Killerargument. Man muss sich auch nur 1 Passwort merken.
    Wobei man sich ruhig auch mal fragen darf, ob wirklich alles mit allem integriert und synchronisiert werden können muss. Dort, wo Datenintegration offensichtlich nützlich ist, da werden ganz bestimmt auch verlässliche Standards zwischen verschiedenen Anbietern verfügbar sein.

    Beim Datenschutzbestimmungs-Argument bin ich nicht einverstanden. Ich bin nämlich nicht fähig zu sagen, ob Google oder GMX bessere Datenschutz-Bestimmungen hat, ich muss das Datenschutz-Risiko einfach eingehen. Wenn dann die Datenschutzverletzung da ist, werde ich froh sein, dass nur ein Teil meiner Daten öffentlich zugänglich ist, und nicht die ganzen.
    Ausserdem ist GMX doch eine hiesige Firma und mein Europa-Patriotismus sagt mir, dass unsere Datenschutzbestimmungen viel besser sein müssen als diejenigen aus Übersee.

  • Mir kommt Google hier ein wenig zu gut weg. Klar, der Artikel sollte sich ja auch hauptsächlich mit der Sicht der Medien auf Google beschäftigen. Aber ich glaube, selbst wenn Google die Privatsphäre noch über Jahre oder Jahrzehnte schützt, könnte der Konzern irgendwann so mächtig sein, dass ein kleiner Vertrauensverlust wegen Datenmissbrauch nicht mehr wirklich schaden würde. Sprich: Die Leute sind einfach so an Google gewöhnt, weil alles so einfach und verknüpft ist, dass sie trotzdem weiter dessen Produkte benutzen. Das ist natürlich der worst case. Aber man sollte auch in diese Richtung Vorsicht walten lassen…

  • Naja, man sollte bei den Gratisdiensten aber schon mal genauer hinschauen ob die Werbeeinnahmen die Kosten der Dienste bei Google decken oder ob da querfinanziert wird. Das ist schließlich die klassische Vorgehensweise: Zunächst wird eine Leistung kostenlos oder weit unter dem kostendeckenden Preis angeboten. Und wenn die Konkurrenz platt ist, kostets plötzlich was. Entweder in Form von Geld oder – was bei Google wahrscheinlicher ist – in Form von noch mehr Privatsphärenverlust. Du gibts mir deine persönlichen Daten oder du darfst den Dienst nicht mehr nutzen.

  • Sehr trefflicher Artikel zur insgesamt durchaus positiven Rolle von Google für mehr Freiheit im Internet trotz aller in Deutschland tatsächlich gar nicht diskutierten Mängel. Daher würde ich auch gern zwischen Google.com und Google.de unterscheiden wollen, nachdem einige meiner Texte eine zeitlang nicht über Google zu finden waren und dann nach einer Beschwerde in den USA plötzlich alle wieder auftauchten.

  • Dass die bisher kostenlosen Google-Dienste in Zukunft kostenpflichtig werden könnte, halte ich für ausgesprochen weit hergeholt. Das Konzernkonzept ist doch eben die Finanzierung durch Werbekunden, nicht durch den Endnutzer. Wenn all diese kostenlosen Dienste nur eine Strategie sind, um die Konkurrenz aus dem Markt zu drängen, dann muss man sich doch fragen, woher das Geld kommt, sie zehn Jahre lang zu betreiben.

  • Ich verstehe das nicht…
    Nehmen wir an, mir flattert ein “Gutschein” in’s Haus, mit dem ich mir, durch Rücksendung einer beigelegten Postkarte, sehr günstig einen Probekarton ausgesuchter Weine aus der Gegend bestellen kann.
    Kurz nachdem ich die Karte zurückgesendet habe, stelle ich fest, dass jeden Tag weitere Werbeangebote für vermeintlich günstigen Wein in meinem Briefkasten landen.
    Personalisiert die “liebe Post” damit meine Werbung, oder hat sie “meine Daten verkauft”?
    Ich kopiere an der Uni einen kurzen Abschnitt aus einem Lexikon, sagen wir die Bedeutung von “Sexualität”.
    Als ich am nächsten Tag ein anderes Buch zurückbringe versucht die Frau am Tresen mir einen Duden zu verkaufen, und gibt mir die Telefonnummer von einer Prostituierten.
    Nett oder?
    Danach habe ich im Bürgerbüro nachgefragt habe, wo ich mich über Wohngeld informieren kann. Am nächsten Tag wurde ich dann als ich in die Straßenbahn zum Wohngeldamt einsteigen wollte von einem Mitarbeiter der städtischen Müllabfuhr angesprochen, ob ich nicht einen Job bei ihnen wollen würde … könnte ja sein, dass ich grad knapp bei Kasse bin.
    Sehr zuvorkommend..

    Und jetzt erkläre mir bitte mal jemand, wo der große Unterschied zwischen diesen (spontan aufgeschriebenen, und sicherlich verbesserungswürdigen, allerdings im Kern zutreffenden) imaginären Beispielen und der angeblich so vorbildlichen Datenschutzpolitik von Google liegt.

  • @Vorreiter Beat
    Nein, das ist nicht geschickt, sondern nutzlos. Weil “Behörden” (dank Vorratsdatenspeicherung) wissen, auf welche Dienste sie zugegriffen haben, werden sämtliche dieser Dienste abgefragt und die gewonnenen Informationen verknüpft. Das ist technisch äußerst trivial (dank IP und Zeitstempel). Somit schützt sie das Streuen ihrer Daten kein bisschen. Im Gegenteil. Sie streuen ihre Daten auf viele unterschiedliche Systeme und erhöhen somit die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Angriffs zu werden.

  • @Dllngr
    Nicht Ganz. Google informiert ja nicht die Weinhändler die dir dann Werbung schicken. Google weiss nur wer Wein verkauft und denen verkauft es die Tatsache das es eine Liste besitzt mit potentiellen Kunden. Nach Bezahlung schickt dann Google die Werbung für den Weinhändler an dich. Wenn du nicht antwortest weiß der Weinhändler nicht mal das es dich gibt.

    Schönen Gruß,
    nastes

  • @nastes:
    Aus meinem Beispiel geht nicht hervor, dass die Weinhändler meine Daten zugespielt bekommen. Die Post verteilt durchaus auch Werbung ohne den Auftraggebern die Adressen mitzuteilen, an die diese Werbung verteilt wird.

    Trotzdem würde diese (von mir beschriebene) Art der Datensammlung durch die Post zu einem riesigen Aufschrei führen…

  • Rico Brömseklöten

    Ein sehr unbedarfter Beitrag. Zu dieser Äußerung lasse ich mich als jemand hinreißen, der tagtäglich mit Datenschutz zu tun hat – nämlich als in diesem Bereich tätiger Jurist.

    Und als solcher muss sich unsereins immer wieder mit furchtbar langen Texten befassen, die so Namen tragen wie “Endnutzer-Lizenzvertrag”, “Datenschutzrichtlinie” oder einfach nur in hippem Englisch “Privacy Notice” (in deutschem Vertragswerk immer gern gelesen, weil sehr sinnig). Ich weiß, kein normaler Nutzer möchte solche ellenlangen Texte lesen. Und deshalb weiß auch kein normaler Nutzer, was da so alles drinsteht. Aber es lohnt sich doch manchmal, einen Blick darauf zu werfen. Und wenn man das tut – siehe da – tut sich ein wahres Datenparadies für Google auf.

    Zu der These, die Daten seien bei Google vor Missbrauch besonders geschützt, kann durchaus sein – wer weiß das schon. Warum sollte Google die Daten auch missbrauchen? Es lässt sich doch nahezu jedes Nutzungsrecht an den Daten von den Betroffenen einräumen, die nicht lesen, was sie da zustimmend anklicken!! Und das alles völlig legal. Denn es gelten ja in der Regel noch nicht mal europäische Datenschutzstandards. Und selbst wenn.. wenn ich mir heute eine Bankvollmacht über Ihr gesamtes Bankguthaben geben lasse, ist es auch völlig legal, wenn ich ihr Konto anschließend abräume. Sie haben es mir schließlich selbst erlaubt. Das gilt sogar nach deutschem Datenschutzrecht. Einen irgendwie gearteten Missbrauch braucht es dafür gar nicht.

    Was lernen wir also daraus? Die Gefahr liegt nicht in dem, was Google vielleicht verbotenerweise tut, sondern was Sie ihm ausdrücklich erlauben. Und da ich Google-Nutzungsbestimmungen kenne, sage ich ganz klar: es gibt deutlich bessere Alternativen als Google, was den Datenschutz angeht.

  • [...] Wieso Holzmedien bei Google-Kritik versagen « Large Neuron Collider – Sehr lesenswert: "Ich möchte folgende [sehr] gewagte These aufstellen: Es gibt im Moment keinen Webdienst weltweit, in dem persönliche Informationen besser vor Missbrauch geschützt werden als bei Google." (Tags: Google GoogleNews privacy security ) [...]

  • [...] Oder anders gesagt: Journalisten kritiseren Google dafür, dem Nutzer äusserst nützliche, verläss… – Andreas Braendle; endlich bringt es jemand auf den Punkt. Das Rumgewhine geht mir schon so lange auf den Sack. [...]

  • @Dllngr

    Ein Unterschied ist, dass Google eben nicht so personalisiert ist, wie etwa die Frau in der Bibliothek. Das Beispiel vermittelt Nähe und einen gefühlten Bruch der Intimsphäre, weil ein Fremder plötzlich etwas über mich weiß, während in Wirklichkeit ein Skript irgendwo auf einem Googleserver Werbung neben E-Mails mit ähnlichen Stichwörtert platziert. Im Kern sind die Beispiele eben nicht so gut vergleichbar, da es einen Unterschied macht, ob abstrakt IP- und E-Mail-Adressen mit bestimmten Stichwörtern verbunden werden, oder ob bestimmte Personen bestimmte andere untersuchen und ausspionieren.

    Würden plötzlich E-Mails direkt an mich adressiert werden, mit Inhalten, die erkennbar nur aus meinen Googleaccounts stammen würden, dann wäre das dramatisch und würde mich auch erschrecken. Aber für die personalisierte Werbung neben E-Mails muss ja noch nichtmal tief in die Datenbank meiner Geheimnisse gegriffen werden. Es würde ein Skript reichen, das in dem Moment, wo ich die E-Mail aufrufe, selbige nach Stichwörtern scannt und passende Werbung daneben platziert. Dazu muss noch nichtmal bekannt sein, zu welcher IP und welchem Account diese E-Mail gehört.

  • Google kann sich einen Datenskandal leisten wie McDonalds einen Salmonellenbefall bei den Burger.
    Ich bookmarke Ihren Artikel, weil er mir sehr viel Kopfnicken bereitet hat.
    Danke dafür

  • Die technische Lösung ist GoogleSharing, das Tool dafür ist vorhanden:
    http://www.googlesharing.net/

    Jetzt ersetzen wir in einem demokratischen Prozess Klientelpolitik durch transparente Werbefinanzierung bei Politikern und Parteien und alles wird gut™.

  • Hallo!

    Ich bin kein Blogger und kannte Ihre Seite bis vor wenigen Minuten noch nicht. Durch Google bin ich zu Ihrer Seite gelangt (Suchergebnis war zwischen vielen Anti-Google-Artikeln). Dies ist mit Sicherheit einer der besten Artikel die ich in der letzten Zeit zum Thema Google gelesen habe und ich stimme in allen Punkten voll zu.

    Ich bin zwar kein Teenager sondern bald in den 30ern, doch trotzdem kommen mir die Printmedien mittlerweile einfach nur hoffnungslos veraltet vor! Ich weiß, dass dies keinesfalls auf andere zutrifft, aber ich könnte mir eine Welt ohne Printmedien vorstellen.

    Zum Thema Missbrauch / Datenkrake möchte ich auch noch was sagen:
    Unternehmen, wie zum Beispiel Mobilfunkprovider, “beobachten” unser Leben noch viel direkter als Google und das dann sogar weit weniger anonym. Ich erinnere deshalb nur zu gerne an die Datenskandale und Sicherheitsprobleme der vergangenen Jahre (z.B. bei der Telekom). Sowas hat es bei Google nicht mal ansatzweise gegeben. Es ist gut das man die Aktivitäten von Google beobachtet aber man sollte auch die Fakten beachten – was die Printmedien nur zu gerne vergessen.

  • [...] Google-Datenschutz: mal eine andere Sicht. passend dazu:  Google-Bashing analysiert [...]

  • [...] Wieso Holzmedien bei Google-Kritik versagen « Large Neuron Collider "Google ist ein unheimlich grosses und ein unheimlich mächtiges Unternehmen. Mit seinem Marktanteil bei Suchmaschinen zwischen 60 und 90 Prozent je nach Weltregion ist Google für das Gatekeeping von Informationen für den grössten Teil der vernetzten Menschen verantwortlich. Nicht nur die ökonomische, vielmehr auch diese gesellschaftiche Bedeutung erfordert eine genaue Beobachtung des Unternehmens, seiner Handlungen und Strategien." (tags: medien medienwandel google zeitung print journalismus) [...]


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