January 30, 2010...7:19 am

Algorithmen als Institutionen?

Jump to Comments

Robin Meyer-Lucht nimmt das Aufeinandertreffen der Schirrmacher’schen Panikmache und der etwas optimistischeren Position von David Gelernter an der DLD Konferenz als Ausgangspunkt für einen interessanten Gedanken: Werden Algorithmen zu gesellschaftlichen Institutionen, die Informationen automatisch organisieren wie dies Universitäten, Parteien oder Zeitungen tun? Und wenn ja, wie ist dies zu bewerten? In der DLD-Paneldiskusssion erkennt er einen Gegensatz zwischen zwei “archetypischen” Positionen, wie solche Institutionen aufgebaut sein sollen: Von Eliten festgelegte Werte versus freier Markt.

“Beim Zusammentreffen von Schirrmacher und Gelernter wird deutlich: Man kann Algorithmen als etwas sehen, was Institutionen gefährdet – oder als etwas, was Institutionen schafft. Letztlich haben dabei beide Seiten Recht: Algorithmen sorgen gerade für beides. Es ist wichtig, das erste zu thematisieren ohne das zweite aus dem Blick zu verlieren.”

Die Idee, Algorithmen und ihre Funktion der Informations-Organisation als Institutionen zu erklären, ist spannend. Sie erinnert mich auch ein wenig an Shirkys Essay über die Autorität von Algorithmen. Darin erklärt Shirky wie automatisierte Prozesse, die Informationen aus nicht-vertrauenswürdigen Quellen zusammentragen, zu einer Instanz entwickeln, die ein autoritatives Informationsprodukt herstellt. Wobei zu beachten ist, dass Autorität nicht etwas Objektives darstellt, sondern gesellschaftliche konstruiert wird.

Es stellt sich die Frage, ob die Automatisierung der Informationsorganisation gut oder schlecht zu bewerten ist. Stehen wir vor einem Kontroll- und Werteverlust, wenn Institutionen nur noch teilweise von Menschen kontrolliert werden? Eine Frage, die Schirrmachers und Gelernters freilich unterschiedlich beantworten.

Schirrmacher spricht davon, dass Algorithmen eine der grössten Veränderung in der Geschichte menschlichen Denkens herbeiführen. Grund: Die Aufmerksamkeit als knappes Gut in der von Informations Overload geprägten Gesellschaft wird von Maschinen, sprich Algorithmen, gebündelt und nicht mehr von Menschen. Er bewertet dies als Problem.

Gelernter widerspricht. Er sieht die Gefahren in erster Linie in der Mystifizierung der Technologie durch die Nutzer und der daraus resultierenden gleichgültigen Nutzung. Als Beispiel nennt er begeisterten Nutzer von iPhones. Sie verhindert die Bottom-Up-Kritik und damit eine Verbesserung der Technologie. Eine Unterscheidung, die Gelernter betont: Das Web mache in erster Linie Märkte. Der Markt der Ideen sei lediglich ein Teil davon. Und die Stärke dieser Märkte sei der Wettbewerb:

“The Web makes markets, not ideas. One of the most important markets it can make, is the market in ideas. The ultimate value of the web is competition: We want the ideas to compete, so that we know which are good.”

Als Conclusio findet Gelernter: Wir brauchen mehr Skepsis bei der Nutzung der Technologien. Die Technologien sind aber als etwas grundsätzlich Positives zu bewerten.

Meyer-Lucht endet seinen Beitrag mit einem Aufruf an die Wissenschaft, die Debatte nun einen Schritt weiterzubringen. Die Wissenschaft soll lernen algorithmische Institutionen zu “lesen” (übrigens: etwas mit dem ich mich in meiner Dissertation befasse):

“Der nächste Schritt der Debatte muss daher lauten: Welche Institutionen bauen wir eigentlich gerade? Welche Werte stecken im Code? Könnte er auch anders aussehen? Wie “liest” man algorithmisch Institutionen? Welches ist die Rolle von Individuen und Elite in den neuen algorithmischen Institutionen? ?”


Leave a Reply