Google ist ein unheimlich grosses und ein unheimlich mächtiges Unternehmen. Mit seinem Marktanteil bei Suchmaschinen zwischen 60 und 90 Prozent je nach Weltregion ist Google für das Gatekeeping von Informationen für den grössten Teil der vernetzten Menschen verantwortlich. Nicht nur die ökonomische, vielmehr auch diese gesellschaftiche Bedeutung erfordert eine genaue Beobachtung des Unternehmens, seiner Handlungen und Strategien.
Eine klassische Kontroll-Aufgabe für Journalisten und ihre aus Zellstoff bestehenden Massenmedien – könnte man zumindest meinen. Leider verpassen sie es häufig, seriöse Kritik am Handeln des Konzerns vorzubringen. Stattdessen beschränken sie sich auf Vorwürfe, die sich vor allem mit dem eigenen Unvermögen beschäftigen.
Etwas, was diese Woche gleich von zwei Leitmedien unter Beweis gestellt wurde. Sowohl der Spiegel (“Google. Der Konzern der mehr über Sie weiss als Sie selbst“) als auch das Magazin des Tages-Anzeigers (“Larry und Sergey“) platzierten eine nach diesem Schema gestrickte Titelstory zu Google [Update: Auch die Zeit rührt heute mit der Paranoia-Kelle an: "Im Google-Wahn"].
Die seltsame Argumentation der Journalisten hört sich meist etwa so an, wie wenn Fährenbetreiber einen Autofahrer davon überzeugen wollen, nicht mit der neuen Brücke den Fluss zu überqueren, sondern weiterhin die Fähre zu nehmen – weil sie langsamer und teurer ist.
Oder anders gesagt: Journalisten kritiseren Google dafür, dem Nutzer äusserst nützliche, verlässliche, qualitativ hochwertige Dienste anzubieten und dies zu einem äusserst attraktiven Preis, nämlich 0.00 USD. Sie nerven sich also darüber, dass Google Books einem der Gang zur Bibliothek erspart, dass Google Maps die völlig überteuerten GPS-Systeme ersetzt, dass Google äusserst nützliche Dienste zu Bildern (Picasa), Video (Youtube) etc anbietet. Sie werden mir zustimmen, dass dies ein schlechtes Argument ist, um die Leistung Googles schlecht zu reden.
An diese Argumentation schliesst häufig eine skandalträchtige Erkenntnis an: Google-Dienste sind gar nicht gratis! Der Nutzer bezahlt mit seiner Aufmerksamkeit! Google refinanziert diese Dienste über Werbung! Und dabei nicht etwa über die aufdringliche, störende, nicht gekennzeichnete Werbung, wie man sie aus herkömmlichen Medien kennt. Nein, Google erdreistet sich Werbung einzusetzen, die unaufdringlich, klar gekennzeichnete und auf die Nutzerbedürfnisse abgestimmt ist. (Sie erkennen die Doppelmoral, oder?)
Unweigerlich folgt dann das einzige Argument, dass wirklich auf ein Problem hinweist. Es besteht Gefahr der Verletzung von Privatsphäre. Google speichert durch die Zentralisierung vieler Dienste, wie Mail, Suche, Bilder, Videos, Reader eine enorme Masse an persönlichen Informationen über die Nutzer. Diese Informationen werden benötigt, um möglichst personalisierte Suchresultate liefern, aber auch auf die persönlichen Bedürfnisse zugeschnittene Werbung anzeigen zu können. Der Spiegel-Artikel bingt das auf die Kurzform, dass Google der Konzern ist, der mehr über Sie weiss als Sie selbst.
Journalisten ziehen aus dieser Erkenntnis aber oft den falschen Schluss: Sie behaupten, ein Missbrauchspotenzial ist das selbe wie der Missbrauch. Ich finde es aber wichtig, diese beiden Dinge zu unterscheiden. Klar würde ein autoritäres Regime oder auch die deutsche Regierung mit den Daten ganz viele Privatsphäre-verletzende Dinge anstellen, wenn Sie an diese Daten gelangen würden. Sie werden aber nicht an diese Daten gelangen.
Ich möchte folgende [sehr] gewagte These aufstellen: Es gibt im Moment keine Datenbank der Welt keinen Webdienst weltweit, in dem persönliche Informationen besser vor Missbrauch geschützt werden als bei Google.
Sie fragen sich nun, wie ich zu dieser auf den ersten Blick haarsträubenden Einschätzung komme. Die Antwort ist: Google hat am heutigen Tag eine Marktkapitalisierung von 184 Milliarden US$. Einen Grossteil dieses Wertes macht die Marke Google aus. Gemäss der Marktstudie des Markforschungsunternehmens Millward Brown ist die Marke Google über 100 Milliarden US-Dollar wert und damit die wertvollste Marke der Welt, noch vor Coca Cola.
Die Marke macht also den grössten Teil des Unternehmenswertes von Google aus. Dass die Marke einen solchen Wert erreicht, hängt einzig mit dem hohen Vertrauen zusammen, das Google von seinen Nutzern erhält. Es ist indirekt die Folge der Unternehmensphilosophie, die den Nutzer/Kunden ins Zentrum rückt und diesem Ziel alle anderen Ansprüche unterordnet. Vertrauen ist die Währung im Informationsgeschäft, in welchem sich Google bewegt. Sind doch alle Produkte, die der Konzern anbieten in hohem Masse Vertrauensgüter; also Güter, deren Qualität vom Konsumenten, wenn überhaupt erst nach dem Konsum, eingeschätzt werden kann.
Im Umkehrschluss bedeutet dies aber auch, dass das Geschäft von Google in hohem Masse vom Vertrauen abhängt, das von Nutzern entgegenbracht wird. Google hat somit einen sehr hohen Anreiz, das Vertrauen seiner Nutzer nicht zu missbrauchen. Vertrauen ist sehr fragil. Wenn ans Tageslicht kommt, dass Google persönliche Informationen über die Nutzer an andere Dritt-Unternehmen oder an Regierungsstellen weitergäbe, würde dies zu einem enormen Vertrauensverlust bei den Nutzern führen, damit würde sich der Wert der Marke und somit der Unternehmenswert bedeutend reduzieren. Sie werden mir zustimmen, dass Google einen bedeutenden Effort leisten wird, dieses Szenario zu verhindern.
So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass nur eine kleine Menge an Fällen bekannt ist, in welchen Google Daten, aufgrund von Gerichtsbeschlüssen weitergegeben hat (bsp: Holland, Youtube-User-Daten). Google tut sich aber meist dadurch hervor, die Datenweitergabe bis zuletzt zu vermeiden, was beispielsweise der angekündigte Rückzug aus China zeigt oder der Verzicht von Google als einziges Suchunternehmen der Bush-Regierung Daten auszuhändigen. Diese Situation bringt mich zum Schluss, dass ich meine persönlichen Daten lieber bei Google lagere, als bei GMX, Microsoft, Yahoo, TAmedia oder Springer.
Dies ist natürlich keine Carte-Blanche für Google. Nur weil bis anhin gemessen an der Datenmenge, die Google verwaltet, kaum Missbrauch aufgetreten ist, heisst das nicht, dass der Missbrauch in Zukunft nicht stattfinden wird. Gerade dann, wenn Google in ein paar Jahren zum ersten mal in eine Krise kommen wird, sind bestimmt ein paar windige MBAs zur Stelle, welche die “stille Reserve” Nutzerdaten monetarisieren möchten. Ich hoffe aber, die schlauen Ingenieure von Google haben bis dann schon ein System kreiiert, dass diesen Fall bis in alle Ewigkeit verhindert.